Expedition Tien Shan



Ein idyllisches Basecamp, das mit Knochen übersät ist, teils heftige Gewitter, schwerste Spurarbeit am Berg, Gipfelerfolge und ein frühzeitiges Ende der Expedition. Dies erlebten die fünf Nachwuchstalente des SAC- Expeditionsteams auf ihrer Reise in China.

Das Tien Shan Gebirge erstreck sich über eine Fläche von 1 000 000 Quadratkilometer und ist somit fünfmal so gross wie die Alpen. Es liegt im Grenzgebiet zwischen China, Kirgistan und Kasachstan. Das Team stellt sich aus fünf Athleten, einem Lead-Guide, einem Arzt und einem fünfköpfigen Kamerateam des SRF zusammen. Die Hinreise führt uns mit dem Flugzeug von Zürich über Istanbul und Almaty nach Urumqi. Alles verläuft reibungslos, nur in Istanbul streifen wir einen Militärputsch, können aber noch rechtzeitig abfliegen. Die ersten Tage in China nutzen wir, um die letzten Kleinigkeiten wie Gas und Essen zu organisieren. Weiter führt die Reise für drei Tage mit dem Bus zu unserem Ausgangspunkt „Hotsprings“. Die letzte Etappe bis ins Basecamp (BC) legen wir mit 25 Pferden zurück. Das BC liegt hinter einem Pass, schön eingebettet in grünen Wiesen, auf rund 3500m. Unterhalb befindet sich der 30 Kilometer lange Muzhart Gletscher und vis-à-vis das imposante 6627m hohe Xuelian Feng Massiv. In den letzten Jahren war bisher nur eine Hand voll Expeditionen in diesem Gebiet. Es gibt noch unbestiegene Gipfel und unzählige Möglichkeiten für Erstbegehungen.

1945 war unser BC Schauplatz einer Schlacht zwischen chinesischen Regierungstruppen und den Uiguren. Die Folgen sind bis heute noch zu sehen. Überall liegen Knochen, Pferdeschädel und sogar menschliche Gebeine. Unser Koch erzählt uns, dass er ein paar Jahre zuvor drei Tage lang Knochen gesammelt und sie anschliessend beerdigt hat. Trotzdem liegen überall noch Knochen am Boden. 

Kaum sind wir im BC angekommen, nutzen wir das schöne Wetter, um den ersten Gipfel zu besteigen. Eigentlich möchten wir nur Material auf eine Höhe von 4200m bringen, dort übernachten und am folgenden Tag wieder ins BC absteigen. Jedoch erhalten wir kurz vor dem zu Bett gehen eine SMS von Meteotest, worin steht, dass es nur noch für zwei Tage schön ist und es anschliessend für fünf weitere regnen soll. So entscheiden wir uns für einen spontanen Gipfelversuch. Am nächsten Morgen steigen wir durch ein 500 Meter langes Couloir auf 4800m hoch und deponieren dort unser Biwakmaterial. Anschliessend kämpfen wir uns durch knietiefen Schnee bis auf den Gipfelgrat. Dieser ist so verwächtet, dass wir ihn in der Nordostwand umgehen müssen. Die letzten 100 Höhenmeter vor dem Gipfel sind sehr mühsam und wir kommen nur langsam voran; Schneematsch auf Blankeis. Die Nullgradgrenze ist über 5000 Meter gestiegen und die Sonne brennt auf unsere Köpfe nieder. Am Mittag stehen wir endlich auf dem bis dato unbestiegenen Gipfel (5418m). Es ist ein spezielles Gefühl, wenn man weiss, dass hier zuvor noch keine Menschenseele gewesen ist. Nach einer Nacht auf 4800m steigen wir zurück ins BC und pünktlich, wie von Meteotest angekündigt, kamen dann die fünf Tage Regen. 

Bereits im Regen beginnen wir mit den ersten Materialtransporten in unser vorgeschobenes Basislager (ABC), welches in einem Gletscherkessel auf 3800m liegt. Von hier aus haben wir diverse Möglichkeiten um unbestiegene Gipfel oder neue Routen zu klettern. Nach ein paar weiteren Schlechtwettertagen können wir endlich wieder etwas unternehmen. Sebastian, Roman und Sébastien beginnen einen sicheren Weg durch eine Serac Zone auf ein Plateau zu suchen, damit man zwei unbestiegene 6000er angreifen könnte. Lukas, Denis und Nicolas schleppen zur gleichen Zeit noch weiteres Material ins ABC. Bei einer Diskussionsrunde am Abend entscheiden wir uns den Plan vom Plateau zu verwerfen, da die objektiven Gefahren einfach zu gross sind. 

Am folgenden Morgen machen sich Lukas, Denis und Nicolas auf um den P 4922m zu besteigen. Durch ein kleines Seitental erreichen wir die 500 Meter hohe Firnwand, welche direkt auf den Gipfelgrat führt. Ohne nennenswerte Schwierigkeiten erreichen wir den Gipfel. Sebastian, Roman und Sébastien erklimmen auf einer Erkundungstour einen weiteren unbestiegenen Gipfel (4490m). Endlich erhalten wir per Satelitentelefon einen positiven Wetterbericht von Meteotest, ein viertägiges Schönwetterfenster wird angekündigt. Da die Nullgradgrenze sehr hoch ist und es immer noch viel Neuschnee hat, entscheiden Lukas und Nicolas nicht wie geplant die unbestiegene Ostwand des „Xuelian West“ zu versuchen, sondern den Westgrat. Roman, Sebastian, Sébastien und Denis wollen den bereits begangenen Ostgrat auf den Nord-Ost Gipfel klettern. 

Bis ins ABC gehen wir gemeinsam, danach trennen sich unsere Wege. Das Nord-Ost Gipfel Team steigt bereits auf 4500m auf, die anderen Zwei gehen in ein kleines Seitental und schlafen auf 4000m. Aufgrund einer Verletzten am Bein muss Roman am nächsten Morgen ins BC absteigen. Die Verhältnisse sind nicht gerade optimal. Zwischen knöchel- und hüfttief muss gespurt werden. Lukas und Nicolas steigen auf 5200m, wo sie die Nacht verbringen. Sebastian, Sébastien und Denis gehen auf 5600m und verbringen eine ausgesetzte Nacht auf dem Grat. Die Akklimatisation war aufgrund des schlechten Wetters etwas mager ausgefallen und alle haben zu kämpfen. Am nächsten Morgen steigen alle weiter auf. Lukas und Nicolas entscheiden sich auf 5700 die Nacht zu verbringen und anschliessen abzusteigen, da Nicolas an akuter Bergkrankheit leidet und kein Risiko eingehen will. Die anderen Drei steigen auf den Vorgipfel, richten dort ein Camp ein und gehen dann weiter bis auf den Gipfel des 6518m hohen Xuelian Nord-Ost. Beim schönsten Sonnenuntergang können sie sich den wohlverdienten Gipfelhandschlag geben. Die Nacht verbringen sie auf dem Vorgipfel und steigen am folgenden Morgen ins BC ab. Fast gleichzeitig treffen alle gesund im BC ein und geniessen eine herrliche Mahlzeit.

Die nächsten zwei Tage verbringen wir an der Sonne, erholen uns und tanken Energie für die nächste Tour. Doch dann kommt übers Satellitentelefon eine schlechte Nachricht. Meteotest meldet für die kommenden Tage drei Meter Neuschnee. Natürlich glauben wir dies zuerst nicht, aber nach einem Telefongespräch müssen wir der Wahrheit ins Auge schauen. Wir warten zunächst noch einen Tag, rufen nochmals an und wieder bestätigen sie uns, dass es zwischen 2.5 und 3.5 Meter Neuschnee geben soll. So organisieren wir so schnell wie möglich die Pferde und reisen wieder zurück ins Tal nach „Hotsprings“. Schlagartig und ohne Vorwarnung ist unsere Expedition nun vorbei. Jetzt, wo wir endlich einigermassen gut akklimatisiert gewesen wären. Es fällt uns schwer, das Basislager zu verlassen, da wir alle noch so sehr motiviert waren und unsere eigentlichen Ziele noch nicht versuchen konnten. 

Zurück in der Zivilisation müssen wir uns zunächst einen Plan für unsere Weiterreise überlegen, da uns noch neun Tage in China bleiben. Durch Zufall erfahren wir, dass es 400 Kilometer nördlich von Urumqi ein Rissklettergebiet gibt, so reisen wir so schnell wie möglich dort hin und verbringen die restlichen Tage mit Klettern. Die Expedition war trotz des vielen Regens erfolgreich und vor allem lehrreich. Wir haben nun alle Erfahrung im Expeditionsbergsteigen und haben über die drei Jahre Ausbildung ein grosses Knowhow zusammengetragen, welches wir an die JO’s weitergeben können. Es hat sich gezeigt, dass wir als Team sehr gut funktionieren und weiterhin zusammen in den Bergen unterwegs sein werden. Natürlich war das schlechte Wetter und die warmen Temperaturen etwas ärgerlich, jedoch gehört dies zum Expeditionsbergsteigen dazu. Auf jeden Fall sind wir alle wieder gesund und munter in die Schweiz zurückgekehrt.